25.Juli 2001



Nach sechs Stunden Zwangspause in Kopenhagen – Strafe für zu spätes Buchen – verlasse ich Europa an Bord einer SAS-Maschine in Richtung Nordwesten. Nach rund drei Stunden Flug, über die Fjorde Südnorwegens und das wolkenverhangene Island, kündigt sich mein Reiseziel an: Unzählige weisse Flecken lassen das Meer aussehen wie geschiedene Milch – Treibeis und Eisberge, die vor der Ostküste Grönlands in Richtung Süden driften. Dann folgen die rauhen Küstengebirge, die, je weiter wir ins Landesinnere vorstossen, immer tiefer in einer endlosen weissen Fläche versinken, bis schliesslich nur noch weiss zu sehen ist – das Inlandeis, welches 80% der Insel bedeckt.
Nach einer weiteren halben Flugstunde, am anderen Ende des ewigen Eises, landen wir in Kangerlussuaq. Diese Siedlung wurde während des 2.Weltkrieges von den Amerikanern als Luftwaffenstützpunkt gegründet. Auch heute noch konzentrieren sich die Baracken und Fertighäuser um den Flughafen und das angegliederte Hotel. Entsprechend trostlos wirkt diese Siedlung auf die Anreisenden. Dass die Umgebung an Attraktionen einiges zu bieten hat, werde ich später noch erfahren, denn die letzten zwei Tage meiner Ferien werde ich hier verbringen.
Heute wartet allerdings noch ein weiterer Flug auf mich. Mit einer Propellermaschine der Greenlandair erreiche ich um 23 Uhr das Ziel meiner Reise, Ilulissat. Obwohl ich unterdessen seit 20 Stunden unterwegs bin, und meine innere Uhr bereits 3 Uhr morgens anzeigt, fühle ich mich alles Andere als bettreif. Denn die Mitternachtssonne taucht die Landschaft in ein wunderschönes Licht, und auch die Aussentemperatur ist noch angenehm warm. Ausserdem wäre an schlafen sowieso nicht zu denken, denn gerade jetzt, wenn die Sonne knapp über dem Horizont steht, stimmen die 5500 Schlittenhunde - zahlenmässig den Einwohnern überlegen - zu einem herzzerreissenden Heul-Kanon an. Also mache ich mich gleich auf, um zum ersten mal den Eisfjord zu bestaunen.
 

26. - 29.Juli 2001

Der Ilulissat Kangerlua, oder Jakobshavn Eisfjord, ist ein Phänomen, das weltweit seinesgleichen sucht: Vom Inlandeis schiebt sich der Gletscher Sermeq Kujalleq mit 25 Metern pro Tag in Richtung Fjord, und stösst dabei 20 Millionen Tonnen Eis ab. 40 Kilometer weiter, an der Öffnung zum Meer, stauen sich die Eisberge an einer Untiefe und füllen den ganzen Fjord mit Eis. Während der vier Tage, die ich hier verbringe, unternehme ich verschiedene Wanderungen, einen Bootsausflug zum kalbenden Gletscher Eqip Sermiat und einen Heliflug zum Inlandeis. Dieser kostet mich zwar ein Vermögen, ist aber jede Øre wert: Mit einem russischen Sikorsky-Grosshubschrauber überfliegen wir den Fjord, immer neben oder knapp über den gigantischen Eisbergen. An der Abbruchkante des Gletschers steigen wir auf eine Höhe von etwa 300 Metern, und landen auf einem kleinen Vorsprung. Hier hat man eine knappe Stunde Zeit, den atemberaubenden Ausblick zu geniessen, bevor der Pilot wieder Kurs auf Ilulissat nimmt.
 

30.Juli - 1.August 2001



Viel zu früh ist es Zeit, in der äusserst angenehmen Jugi meine Sachen zu packen, und das Küstenschiff zu besteigen, welches für die nächsten drei Tage und Nächte mein Zuhause sein wird. Zum Glück habe ich mein Ticket schon in der Schweiz gekauft, denn das Schiff ist völlig ausgebucht. Im Sommer scheinen nebst den Touristen auch ganz Grönland unterwegs zu sein.
So ist diese Schiffsreise denn auch die ideale Gelegenheit, mit Einheimischen zu plaudern und etwas über ihr Land zu erfahren. Obwohl die Inuit, früher als Eskimos bezeichnet, heute nicht auf die Errungenschaften der Zivilisation verzichten wollen, fühlen sie sich nach wie vor stark mit ihren Traditionen und der Natur verbunden.
Wir folgen der Küste in Richtung Süden. In jeder „grösseren“ Siedlung, im Durchschnitt etwa drei mal täglich, legt das Schiff an, und man hat während einer knappen Stunde Zeit, sich die Füsse zu vertreten, den Ort zu erkunden. Wenn man Glück hat, kann man sich sogar im Dorfladen mit Proviant eindecken.
Nach eineinhalb Tagen und 500 Kilometern Fahrt, also etwa zur Halbzeit meiner Schiffsreise, legen wir für drei Stunden in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands an. Mit seinen 14'000 Einwohnern ist Nuuk bei weitem die grösste Stadt des Landes. Im Gegensatz zu den andern Orten, wo farbige Fertighäusschen das Bild beherrschen, wird das Stadtbild hier geprägt von riesigen Mietskasernen. Die gemütliche Atmosphäre meiner bisherigen Reisestationen wird hier ersetzt durch eine Betriebsamkeit und Hektik, die schon fast an eine südeuropäische Kleinstadt erinnert.
 

2.August 2001

Weitere 36 Stunden später erreiche ich meinen Zielhafen, Narsaq, auf einer Halbinsel mitten in der Fjordlandschaft Südgrönlands. Die Vegetation ist hier reicher als im Norden, Blumenwiesen schmücken die Umgebung in allen Farben. Hier werden auch ein paar Felder bestellt, und es gibt in der Nähe gar eine Schaffarm.
In der Gegend findet sich eine Fülle von Wandermöglichkeiten. Ich entscheide mich für eine Tageswanderung hinauf zu einem kleinen Gletscher. Sobald man hier eine Siedlung verlässt, ist man meist völlig allein, und auch heute begegne ich keiner Menschenseele. Diese Tatsache fasziniert uns stau-geplagte Mitteleuropäer zwar, mahnt aber auch zur Vorsicht: So sollte man vor Wanderungen immer jemanden über seine Route und den geplanten Zeitpunkt der Rückkehr informieren, damit im Notfall eine Suche organisiert werden kann.
 

3. - 6. August 2001

Am folgenden Tag besteige ich bereits wieder ein Schiff, für die kurze Reise nach Narsarsuaq. Während und nach dem 2.Weltkrieg, als der Ort den Amerikanern als Luftwaffenstützpunkt diente, wohnten hier bis zu 12'000 Personen. Geblieben aus dieser Zeit sind lediglich ein paar Trümmer - und der Flughafen welcher zusammen mit den grossen Hotel Narsarsuaq der Hauptarbeitgeber für die 180 Einwohner darstellt.
Viel gibt’s denn hier auch nicht zu sehen. Zusammen mit der dichten Wolkenschicht und den starken Wind, der jedes vorankommen zu einer Anstrengung macht, sinkt die Stimmung bei mir in Richtung Nullpunkt. Mein Versuch, diese an der Hotelbar wieder anzuheben, ist nur mässig erfolgreich, reisst dafür aber ein tiefes Loch in meinen Geldbeutel! Erst am dritten Tag – ausgerechnet am Tag meiner Weiterreise – erscheint die Sonne wieder am Himmel.
 

7. - 8.August 2001





Nun schliesst sich der Kreis meiner Reise: Nach zwei Zwischenlandungen erreiche ich am Abend Kangerlussuak. Die Ortschaft mit ein paar hundert Einwohnern, die mir bei meiner Ankunft in Grönland einen so mickrigen Eindruck machte, erscheint mir jetzt im Vergleich zu meinem letzten Aufenthaltsort schon fast als Grossstadt.
Ich will meine letzten beiden Ferientage noch voll ausnutzen und buche gleich für den nächsten morgen eine Tour: Wir fahren mit einem umgebauten Lastwagen über Grönlands einzige Strasse, die zum Inlandeis führt. Am Gletscher hält unser Fahrzeug, und wir können ein paar hundert Meter auf dem Eis spazieren. – dank einer Strasse, die Volkswagen zu seiner Testbasis mitten im Inlandeis gebaut hat.
Leider hat man während dem dreistündigen Ausflug kaum Zeit, sich die beeindruckende Landschaft genauer anzuschauen. Deshalb miete ich nach der Rückkehr ein Bike und mache mich nochmals auf den Weg. Für mich als Gelegenheitsradfahrer sind die 30 Kilometer durch die hügelige Landschaft eine Tortur. Der wunderbare Ausblick am Eisrand macht diese jedoch gleich wieder vergessen. Ich genehmige mir einen Baileys, gekühlt mit Jahrtausende altem Eis.
Am nächsten morgen bin ich von meiner Bike-Tour noch so erschöpft, dass ich mich nicht mehr für eine körperliche Betätigung motivieren kann. Statt dessen lasse ich mich herumchauffieren, um ein paar der imposanten Moschusochsen zu sehen, die in der Umgebung leben.
Am Abend fliege ich dann, mit vielen schönen Erinnerungen im Gepäck, zurück in Richtung Europa – Ich hoffe, nicht für immer.


 hier gehts zu den Fotos meiner Grönland-reise vom Juli 2001.
hier ein paar interessante Grönland-Links.
Eisberg-Fotos (als Poster erhältlich) auf meiner neuen Seite whitegiants.com!


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